Der Merkurtransit vom 7.5.2003, sowie Interessantes über den sonnennächsten Planeten

von Hans-Joachim Schneider

Am 7. Mai 2003 kreuzte der Planet Merkur von 7:15 bis 12:30 (MESZ) langsam die Sichtlinie von der Erde zur Sonne und grenzte quasi ein Segment von der Sonnenscheibe ab. Wegen seiner um 7 Grad zur Erdbahn geneigten Umlaufbahn bewegt sich der kleine Planet, nur als winziger dunkler Punkt sichtbar, beim Durchqueren der Ekliptikebene manchmal vor der blendend hellen Sonnenscheibe. Auf einer ein Meter Durchmesser großen Projektionsfläche des Abbildes der Sonne war der Merkur als sieben Millimeter kleines schwarzes Scheibchen erkennbar. Obwohl der Planet Merkur (Durchmesser 4480 km) größer als unser Erdmond (Durchmesser 3746 km) ist, erlebten wir kein so spektakuläres Ereignis wie die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999. Während damals der Mond, nur 376000 km von uns entfernt, die riesige Sonne (1,4 Mio.km Durchmesser) abdeckte, war der Merkur am 7. Mai 2003 von uns mehr als 223 mal weiter, nämlich 84 Millionen km enfernt. Das gibt uns auch einen Eindruck der wahren Größe unserer Erde und unserer Stellung im Planetensystem. Ein Beobachter auf dem Mars würde unsere Erde als ebenso winzigen Punkt wie den Merkur bei einem Transit vor der Sonnenscheibe erkennen.

Was wissen wir vom Planeten Merkur?

Schon im 3. Jahrtausend vor Christus gibt es von den Sumerern Hinweise auf den Merkur. Die Griechen gaben ihm zwei Namen. Er heißt Apollo, als Jäger vor dem Sonnenaufgang aufbrechend,  wenn er am Morgenhimmel erscheint, und er heißt Hermes, wenn er als Abendstern sichtbar ist, als der Bote zwischen der Sonne, der höchsten Gottheit des Tages, und den Götterfürsten der Nacht. Die Zuordnung dieser Aufgabe entspricht seinem schnellen Lauf über den Himmel zwischen den langsameren Bahnen der anderen Planeten, die den Göttern zugedacht sind. Die Griechen wußten jedoch, daß es sich um den gleichen Himmelskörper handelte. Der griechische Philosoph Heraklit glaubte, daß Merkur und Venus sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne bewegen, unsere Erde dagegen nicht. In der römischen Mythologie ist der Merkur der Schutzpatron für Kaufleute (goldfarben), Reisende (kommen und gehend) und Diebe (schwer zu erkennen).  Das Metall Mercury entspricht diesen Eigenschaften. In seinem Aussehen wie Silber, jedoch bei Zimmertemperatur bereits flüssig, ist das Quecksilber, wie der deutsche Name sagt, schwer zu fassen.

Der kleine Planet Merkur hat von allen neun Planeten auf seiner Umlaufbahn den geringsten Abstand (im Mittel 58 Mio. km) von der heißen Sonne. Nur der Planet Pluto ist noch kleiner, seine Umlaufbahn führt ihn am weitesten von der Sonne weg (über 6000 Mio. km). Während der Merkur in nur 88 Erd-Tagen um die Sonne eilt, benötigt Pluto dafür fast 250 Jahre. Von der Erde aus gesehen bewegt sich der Planet Merkur stets nahe bei der Sonne. Wir können ein kleines golden-gelbliches Scheibchen, mit Phasen wie beim Erdmond, kurz vor dem Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang in der Dämmerung eine Handbreit über dem Horizont mit bloßem Auge beobachten. Wie der Mond spiegelt auch der Merkur nur einen geringen Teil (ca. 11 Prozent) des Sonnenlichtes zu uns. Aber trotz der weiten Entfernung von der Erde sehen wir Merkur als hellen Lichtpunkt am Himmel, weil er wegen seiner Nähe zur Sonne die 6,7-fache Lichteinstrahlung bekommt. Der  Planet Merkur bewegt sich wie alle Objekte im Sonnensystem auf einer Umlaufbahn, die einer Ellipse gleicht, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht. Im sonnennächsten Punkt (Perihelium) ist Merkur nur 46 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt, am sonnenfernsten Punkt (Aphelion) sind es dagegen 70 Millionen km. Diese weite Bahnellipse dreht sich sehr langsam um die Sonne. Bereits im 19. Jahrhundert wurde diese Eigenheit von den Astronomen beobachtet und sorgfältig gemessen. Dabei konnte eine kleine Abweichung nicht mit den Gesetzen der Himmelsmechanik begründet werden. Über Jahrzehnte war diese kleine Abweichung zwischen den beobachteten und den vorhergesagten Werten in der Diskussion. Entsprechend der erfolgreichen Suche nach den äusseren Planeten Uranus, Neptun und Pluto, die ebenfalls auf Grund von Bahnabweichungen der Nachbarplaneten vermutet und gefunden wurden, dachte man, ein weiterer Planet X (römische Ziffer für 10) genannt Vulkan, könnte noch näher an der Sonne diese umlaufen und für die Abweichung verantwortlich sein. Erst mit der Relativitätstheorie von Albert Einstein ergab sich eine richtige Erklärung.

Der Planet Merkur – Nachbar der Sonne

Ein Besucher auf dem Merkur würde von der Oberfläche aus eine fremde Sicht auf die Sonne haben. Unser Erdmond dreht sich bei jedem Umlauf um die Erde einmal um seine eigene Achse. Deswegen sehen wir stets die gleiche Seite des Mondes. Der Planet Merkur hat eine ähnliche Eigenrotation, eine bezüglich der Sonne sogenannte gebundene Rotation, so dachte man bis zum Jahr 1962. Erst mit genauen Radarmessungen nach der Doppler Methode im Jahr 1965 konnte man die Eigenrotation messen. Weil er sich bei 2 Umläufen um die Sonne exakt dreimal um sich selbst dreht, und zugleich seine Bahn um die Sonne eine deutliche Ellipse ist, erlebt der Betrachter an einigen Punkten der Oberfläche auf dem Merkur eine eigenwillige Bewegung der Sonne im Laufe eines langen Merkurtages von knapp 60 Erdtagen Dauer. Die Sonne steigt zuerst empor, bleibt dann am Himmel stehen, bewegt sich rückwärts wieder zum Sonnenaufgang und läuft dann schnell hinüber zum anderen Horizont. Dabei nimmt die Größe der Sonnenscheibe im Laufe eines Umlaufs sichtbar zu und ab. Auch die Sterne am Himmel bewegen sich merkbar unterschiedlich schnell.

Die Temperatur auf dem Planeten Merkur ändert sich so extrem, wie auf keinem anderen Objekt im Sonnensystem. Von eisigkalten 90 Grad Kelvin (minus 183 Grad Celsius) auf der Nachtseite bis zu extrem heißen 700 Grad Kelvin (427 Grad Celsius) auf der Tagseite. Nur die Temperaturen auf dem Planeten Venus liegen etwas höher, sind jedoch sehr stabil, weil die fließende dichte Atmosphäre dieses Planeten für einen Ausgleich sorgt.

Der Planet Merkur mit seinem Durchmesser von 4880 Kilometern ähnelt in vieler Hinsicht einem Mond. Auch seine Oberfläche ist stark von Kratern geformt und sehr fest, denn es lassen sich keine Spuren von Oberflächenbewegungen (Tektonik) beobachten. Die Dichte des Materials, aus dem der Merkur besteht, ähnelt dem Material des Planeten Erde und ist wesentlich dichter und massiver als bei jedem Mond im Sonnensystem. Der Eisenkern des Merkur (Radius 1850 km) ist größer als der von der Erde. Die Kruste aus Gestein (Dicke ca. 550 km) ist beim Planeten Merkur dünner.

Wegen seiner hohen Dichte hat der Merkur auch eine starke Gravitationskraft, die eine sehr dünne Atmosphäre halten könnte. Da jedoch der in der Nähe der Sonne sehr starke Strom aus Atomen im sogenannten Sonnenwind ständig die stark aufgeheizten Gasmoleküle wegbläst, muß die gemessene Restatmosphäre ständig erneuert worden sein. Zur Überraschung der Beobachter zeigen die Radarechos vom Nordpol des Merkur Spuren von Wassereis, die in den von Einstrahlung geschützten Schatten der Kraterwände vorhanden sein könnten. Auf dem Erdmond hat die Suche nach ebensolchen Resten von Wasser keinen Erfolg gehabt.

Während unser Erdmond mit den dunklen Mare aus geschmolzener Lava im Aussehen mehr einer faulen fleckigen Birne gleicht (oder einem Mondgesicht), ist der Merkur eine fast vollkommen runde, sehr harte Kugel mit vielen Einkerbungen wie ein Golfball. Zusätzlich zu den Formationen der runden Kratergebirge finden sich auf dem Merkur bis zu 3 km hohe und einige hundert Kilometer lange Klippen und Einbruchschluchten, auch über die Grenzen von Kraterrändern hinweg. Man erklärt diese mit einem Schrumpfen der Oberfläche um ca. 1 Prozent. Ein besonders großes Kraterbecken (Caloris Basin) von 1300 km Durchmesser ähnelt den großen Kraterbecken auf dem Erdmond, den sogenannten dunklen Mondmeeren, die durch Einschläge sehr großer massiver Objekte geschaffen wurden. Beim Planeten Merkur könnte ein solcher Einschlag, von einem mindestens 160 km großen Asteroiden, sogar auf der anderen Seite des Planeten ein stark mit Bruchlinien durchzogenes Gebiet geformt haben. Wie auf dem Erdmond gibt es auf dem Merkur auch relativ glatte Flächen, die auf Lavaschmelzen von Vulkanen deuten, aber auch aus dem Streumaterial nach starken Einschlägen entstanden sein könnten.

Der Merkur hat ein schwaches Magnetfeld, nur ein Prozent so stark wie das Erdmagnetfeld. Daraus wird geschlossen, daß zumindest ein kleiner Teil des Eisenkerns noch geschmolzen ist. Die Achse der magnetischen Pole ist gegenüber den Polen der Rotation stark geneigt und schwankt möglicherweise beträchtlich während eines Umlaufs, da die Sonde Mariner 10 bei den Vorbeiflügen sehr unterschiedliche Werte gemessen hat.

Was wissen wir noch nicht von Merkur?

Einerseits hat Merkur einen schweren Eisenkern wie die Erde, andererseits ähnelt er einem Mond. Hat Merkur einen Teil seiner Gesteinskruste durch einen riesigen Einschlag schon früh in seiner Entstehungszeit verloren? Obwohl Merkur einen großen Eisenkern besitzt, findet sich in den spektroskopischen Messungen der Oberfläche keine Spur von Eisen. Hat sich der Merkur länger im sehr heißen Schmelzzustand entwickelt, in dem die leichteren Elemente (Silikate) sich von den schwereren (Eisen) im flüssigen Material stärker trennten als bei der Entstehung der Erde, deren schwere Elemente wir auch nahe der Oberfläche finden? Welcher Prozeß hat die ebenen Flächen auf dem Merkur geformt? Sind es Lavaschmelzen oder war die gesamte Haut des Planeten wegen der großen Einstrahlung von der Sonne lange noch plastisch formbar? Könnte es auf den noch unerforschten 65 Prozent der Oberfläche neue Formen geben, vielleicht doch Hinweise auf Vulkane wie beim Planeten Mars oder dem innersten Mond Io des Planeten Jupiter?

Der Planet Merkur – ein schwieriges Ziel für die Raumfahrt

Für die Raumfahrt im Sonnensystem gelten die von Isaac Newton formulierten Gesetze der Schwerkraft zwischen Massen. Die Sonne bestimmt mit ihrer gewaltigen Masse die Bewegungen der Planeten, und auch der Raumsonden, auf elliptischen Umlaufbahnen um die Sonne. Einige der Planeten wie die Erde haben nahezu kreisförmige Umlaufbahnen, andere wie Merkur und vor allem Pluto dagegen weit gestreckte elliptische Bahnen, die den Planeten näher bzw. weiter zur Sonne bringen. Nach den von Johannes Kepler gefundenen Gesetzen ist die Geschwindigkeit auf der Umlaufbahn umso größer, je näher der Planet der Sonne kommt, und geringer, wenn er sich weiter von der Sonne entfernt auf seiner Bahn bewegt. Für den Wechsel von einer Umlaufbahn auf eine andere muß Energie aufgewendet werden, die den Unterschied der Anziehungskraft der Sonne in dem jeweiligen Abstand, mit  der Bewegungsenergie des Planeten auf seiner Bahn ausgleicht. Am geringsten ist der Energieaufwand, wenn sich die Raumsonden auf Ellipsen bewegen, deren weiteste Entfernung von der Sonne (Aphelion) und entsprechend kürzeste Entfernung von der Sonne (Perihelion) mit den Bahnen der Planeten bei Start und Ziel der Reise zusammentreffen.

Auch beim Flug zum Merkur wird deshalb der Zeitpunkt und die Dauer der Reise bestimmt durch die günstige Konstellation der Planeten zueinander. Im Gegensatz zu Reisen in das äussere Sonnensystem müssen die Sonden nach dem Start von der Erde stark abbremsen, um auf eine innere Umlaufbahn näher zur Sonne zu gelangen. Trotz der kürzeren Abstände der Umlaufbahnen der inneren Planeten zur Erdumlaufbahn, wird die Reise zum Merkur einige Jahre benötigen.

Der Planet Merkur – vor 30 Jahren der erste Blick auf den innersten Planeten

In unserer Zeit sind wir dem Planeten Merkur schon recht nahe gekommen. Vor der Reise von Mariner 10 im Jahr 1974 war sehr wenig über Merkur bekannt, es war eigentlich der erste Blick der Menschheit auf diesen innersten Planeten unseres Sonnensystems. Obwohl ein Flug dicht vorbei an der Venus erforderlich war, sollte die Aufgabenstellung der sieben Instrumente an Bord auf die Erforschung des Merkur ausgerichtet sein. Die Methodik der Meßmethoden erforderte einige Bedeckungskonstellationen der Raumsonde zwischen der Sonne, dem Planeten und der Erde. Denn ein besonderes Experiment sollte die Wechselwirkung des “Sonnenwindes” mit dem Planeten bestimmen. Der Empfang der Radiosignale von der Sonde und die Änderung des Spektrums des Sonnenlichtes beim Durchgang durch die Atmosphäre der Planeten sollte während der kurzen Zeiten der Bedeckung gemessen werden. Damit sollte auch die Existenz und die Zusammensetzung einer Restatmosphäre bei Merkur nachgewiesen und bestimmt werden. In den Jahren 1974 und 1975 flog die Raumsonde Mariner 10 sogar dreimal dicht an Merkur vorbei und machte Bilder von etwa 45 Prozent der Oberfläche des Planeten.

Der Planet Merkur – Ziel ehrgeiziger Missionen der Raumfahrtnationen

Das Ergebnis der Planung jeder Reiseroute muß es sein, möglichst viel Nutzlast an Instrumenten in kürzest möglicher Zeit an das Ziel zu bringen und dort möglichst lange Zeit Messungen durchführen zu können. Für die Flugrouten der Raumsonden im Schwerefeld der Sonne und der Planeten kann man eine  Technik benützen, die als Swing By (Vorbei Schleudern) oder korrekter als Gravity Assist (Schwerkraft unterstützte) Bahnenergieänderung bezeichnet wird. Eine Raumsonde, die nahe an einem Planeten oder Mond vorbeifliegt, erhält aus dessen Bewegungsenergie eine zusätzliche Beschleunigung oder Verzögerung. Theoretisch war diese Option der Planung der Flugbahnen schon seit 1950 diskutiert worden. Bereits in den Überlegungen der Raumfahrtpioniere (ab 1920) waren mögliche besondere Reiserouten berechnet worden, die auf spezielle Konstellationen der Planeten zu einander abgestimmt waren. Ein Raumschiff sollte auf einer Rundreise zu mehreren Planeten gelangen und zur Erde zurückkehren.

Die Kosten solcher Missionen sind im wesentlichen von der Menge an Treibstoff bestimmt, die mitgenommen werden muß, weil diese benötigt wird, um nach dem Start die notwendigen Bahnänderungen zu erreichen. Die erforderliche Genauigkeit der Flugbahnbestimmung und Kontrolle war mit der Leistungsfähigkeit der Computer in der frühen Zeit der Raumfahrt nicht zu erreichen. Man mußte die Flugrouten zum Teil erst während der Reise in Stücken bestimmen und die erforderlichen Korrekturen durch exakt bemessene Schubstöße der Triebwerke, zum richtigen Zeitpunkt und bei genauer Ausrichtung der Sonde zur Flugbahn, erreichen. Die von den Raumfahrtnavigatoren errechneten Fehlerschranken sind sehr eng. Ein Verfehlen der zeitlichen und örtlichen Korridore zB. für den Swing By Vorbeiflug an einem Planeten bestimmt den Erfolg der gesamten Mission. Schon bei der Planung der Mondlandung 1960 mußte man die Technik des Herumschleuderns um den Mond beherrschen, der Treibstoff hätte sonst nicht zu einer Rückkehr der Astronauten gereicht. Beim Wettrennen der Raumfahrtnationen USA und UDSSR zu den inneren Planeten Venus, Mars und auch Merkur, war die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Computer bestimmend für den Erfolg der Missionen. Der von Guiseppe Colombo 1970 vorgeschlagene Plan eines doppelten Vorbeiflugs am Merkur erforderte eine sehr genaue Bestimmung der Reiseroute für die Sonde Mariner 10, zuerst sehr dicht vorbei an der Venus und dann sehr präzise vorbei an Merkur, den die Sonde auch sechs Monate später wieder treffen sollte, um im kurzen Vorbeiflug Messungen und Bildaufnahmen zu machen.

Die Raumsonde MESSENGER der NASA (geplanter Start 2004)

Im Jahr 2004 wird die Messenger Sonde der Nationalen Amerikanischen Raumfahrt Agentur (Nasa) gestartet und soll im Jahr 2009 in eine Umlaufbahn um den Merkur gebracht werden. Die Mercury Surface, Space Environment, Geochemistry and Ranging Mission soll während der Dauer eines Erdjahres die charakteristischen Eigenschaften der Umgebung des Planeten Merkur untersuchen. Hochentwickelte Instrumente sollen die Oberfläche erforschen, deren Zusammensetzung, Struktur und Entstehung, das Magnetfeld in allen Richtungen messen, und die Restatmosphäre genau bestimmen. Die von Mariner 10 im Vorbeiflug entdeckten rätselhaften Spuren von Wasser und anderer gefrorener Gase an den Polkappen sollen bestätigt werden. Die für Messenger errechnete Reiseroute beginnt mit dem Start im März bzw. Mai 2004. Mit zwei Swing-By Manövern an der Venus am 24. Juni 2004 (2545 km Abstand) und am 16. März 2006 (4281 km Abstand) soll die Umlaufbahnebene des Merkur erreicht werden. Am 27. Juli 2007 und am 11. April 2008 wird sehr eng (200 km Abstand) am Merkur vorbeigeflogen. Dann folgen zwei Bahnanpassungen und am 5. April 2009 soll Messenger in eine weite elliptische Umlaufbahn (Abstand von 200 km bis ca. 15.000 km) um den Merkur einparken, die mit einer Neigung von 80 Grad zum Äquator des Merkur in einem Umlauf von 12 Stunden alle Gebiete überstreicht. Im Gegensatz zur ersten Merkur Mission der Nasa soll bei Messenger auf aufwendige Experimente mit der Auswertung der Radiosignalstörungen verzichtet werden, die bei Überdeckungen von Planeten und Raumsonde messbar wären.

Die Raumsonde BepiColombo der ESA (geplanter Start 2009)

Von der Europäischen Raumfahrt Agentur ( ESA) wird die Sonde BepiColombo auf die Reise zum Merkur geschickt. Die Sonde ist benannt zu Ehren des Wissenschaftlers, Mathematikers und Ingenieurs an der Universität von Padua (Italien) Giusseppe (Bepi) Colombo (1920-1984), der maßgeblich die Bahnberechnung der Sonde Mariner 10 zum Merkur beeinflußt hat.  Seit dem Start der erfolgreichen Mariner 10 Mission im Jahr 1974 hat sich die Raumfahrttechnik jetzt 30 Jahre später gewaltig entwickelt, und ständig kommen neue Erfahrungen mit gelungenen, aber auch mit gescheiterten Missionen hinzu. Beim jetzigen Stand der Planung geht man von drei Komponenten aus: ein Modul in einer Umlaufbahn zur Beobachtung der Oberfläche des Planeten, ein weiteres Modul im Orbit für die Messung der Magnetosphäre, und ein Landemodul zur Erforschung der Oberfläche. Die neue Technik der Nutzung von Xenon-Ionen Triebwerken mit der Energiegewinnung aus der Sonnenstrahlung mittels 33 Quadratmeter großer Sonnenkollektoren ermöglicht lange und kontinuierliche Bahnmanöver, die genauer als die kurzen Schubstöße der chemischen Triebwerke zur präzisen Steuerung und Lagekontrolle eingesetzt werden können. Die Kraft der unterschiedlichen Systeme variiert von 20 Newton bis zu 4000 Newton. Das Startgewicht der beiden Modulpakete liegt bei jeweils ca. 1,25 Tonnen. Alle drei Elemente könnten mit dem mächtigen Flaggschiff der europäischen Raumfahrtnationen Ariane 5 gestartet werden. Eine zweite Wahl könnte die bewährten Soyuz-Fregat Raketen der Russischen Föderation sein, die mit zwei Starts die Module auf den Weg bringen könnten. Die Raumsonden würden nach einer dreieinhalb jährigen Kreuzfahrt mit Einsatz mit Swing-By Manövern am Mond, der Venus und am Merkur zum Ziel gelangen.

Die wissenschaftliche Zielsetzung ist ebenso ehrgeizig: Die Aufklärung der Oberflächenformen, der Krater und Klippen, der Ursprung, Struktur und Änderung der Magnetfelder, der Zusammensetzung und Bildung der Spurenelemente in der Restatmosphäre, genaueste Bahnbestimmung zur Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie Einstein’s, die Suche nach Asteroiden zwischen der Sonne und der Erde, und generell das Studium der Entwicklung eines Planeten nahe an seiner Sonne. Neben den Europäern und den Russen werden auch die Japaner mithelfen, die anspruchsvollen Ziele zu erreichen.

Besonderen Belastungen wird das Landemodul ausgesetzt. Die extremen Höchst/Tiefst-Temperaturen und die unbekannte Gesteinsstruktur der Oberfläche am Landeplatz bestimmen die erwartete begrenzte Dauer der Arbeitfähigkeit des Moduls, einer 90 cm großen Scheibe, für etwa eine Woche! Zur Erinnerung: die einzige bisher auf der Venus gelandete Sonde Venera konnte die extremen Belastungen auf der Oberfläche gerade mal 1 Stunde überstehen. Der Abstieg des Merkur Landemoduls erfolgt in Stufen, erst in einen 10 km hohen Orbit einparken und das Gelände erkunden, dann Abbremsen auf Nullgeschwindigkeit gegenüber der Oberfläche mit den chemischen Bremsraketen, in 120 Meter Höhe über Boden abtrennen der Triebwerke, Aufblasen der Airbags und freier Fall mit max. 30 Meter pro Sekunde, das sind mehr als 100 km/Stunde, beim Auftreffen auf einem unbekannten, hoffentlich glatten Boden, der zu 40 Prozent im Schatten liegen sollte. Je nach Lage der Sonde wird ein Sonnenschutzschild ausgefahren, eine Antenne überträgt die Daten an die Schwestermodule in der Umlaufbahn. Mit verschiedenen optischen Kameras wird der Abstieg und der Landeplatz dokumentiert, die Strahlung, das Magnetfeld und die seismischen Bodenspannungen sollen gemessen werden. Ein B ohrsystem (Maulwurf) und ein Mini-Fahrzeug sollen ebenfalls eingesetzt werden. Das ganze Landesystem darf nicht mehr als 44 Kilogramm wiegen, eine Herausforderung an die Technik und die beteiligten Wissenschaftler und Ingenieure!

Der Planet Merkur – Wächter an der heißen Grenze unseres Sonnensystems

Der Planet Merkur steht an der inneren Grenze unseres Planetensystems. Über diese Grenze näher an die Sonne heran zu kommen, ist auch für die unbemannten Raumsonden wegen der Gefährdung durch die hohe Strahlenbelastung, die Masseneruptionen und die enorme Gravitationskraft der Sonne, auch noch heute mit moderner Raumfahrttechnik unmöglich.


Planetenstellung während des Merkur-Durchgangs.


 

Merkur vor der Sonne.
Aufgenommen am 7.5.2003 von M. Knülle, vom Wendelstein aus.

Merkur vor der Sonne.
Aufgenommen am 7.5.2003 von M. Knülle, vom Wendelstein aus.