Beeinflusst uns der Mond?

von Markus Dähne

Dem Mond werden oft magische Kräfte zugeschrieben: Er wird verantwortlich gemacht für Schlafstörungen, schwankende Geburtenzahlen, für Einflüsse auf Pflanzenwachstum und Holzqualität und vieles mehr. Bestimmte Dinge sollen, zum 'richtigen Zeitpunkt' erledigt, leichter von der Hand gehen oder den Menschen anderweitige Vorteile bringen.

Immer wieder werden Astronomen - Profis wie Amateure - gefragt, was aus wissenschaftlicher Sicht von solchen Behauptungen zu halten ist. Die Antwort auf die Frage fällt in aller Regel wenig bestätigend, oft geradezu unsanft aus.

Doch was macht die Astronomen da so sicher? Was spricht dagegen? Was ist mit den Erfahrungen vieler Menschen, mit der langen Tradition des Mondglaubens? Kann etwas, das sich so lange scheinbar bewährt hat, wirklich falsch sein?
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Zunächst einmal können Wissenschaftler nicht erkennen, wie der Mond solche Einflüsse ausüben soll. Abgesehen davon, dass man mystische Kräfte verantwortlich machen könnte, wird gerne die Schwerkraftwirkung als mögliche Erklärung heran gezogen. Die Anziehungskraft des Mondes verursacht auf der Erde Ebbe und Flut, da erscheint es logisch, dass auch auf den menschlichen Körper, auf Tiere und Pflanzen eine Kraft ausgeübt wird. Und so berichtet ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung beispielsweise von Schlaflosigkeit bei Vollmond.

Doch diese 'Logik' erweist sich bei näherer Betrachtung als durch und durch unlogisch. So ist die scheinbar starke Schwerkraftwirkung des Mondes in Wirklichkeit so gering, dass sie sich kaum nachweisen lässt: Nimmt man einen Gegenstand in die Hand und lässt ihn los, so fällt er - senkrecht nach unten. Von der Kraft des Mondes ist nichts zu spüren.
Der Gedanke, dass der Mond starke Kraft ausübt, weil er doch schliesslich bei Flut ganze Ozeane anhebt, ist ein Trugschluss: Vielmehr sind solch riesige zusammenhängende Wassermassen nötig, damit sich die winzige Mondanziehungskraft überhaupt merkbar aufsummiert. Beim Chiemsee beispielsweise sieht das schon anders aus, von der Badewanne oder gar den winzigen menschlichen Körperzellen ganz zu schweigen.

Ausserdem besteht kein Zusammenhang zwischen dem Wechsel von Ebbe und Flut und den Mondphasen: Die Flut kommt etwa alle 12.5 Stunden (verursacht durch die Drehung der Erde), Vollmond ist alle 29.5 Tage (verursacht durch die Bewegung des Mondes um die Erde). Zwar fällt bei Vollmond die Flut besonders hoch aus, da Erde und Mond dann in einer Linie stehen mit der Sonne und nun auch noch die Schwerkraft der Sonne eine Rolle spielt, das gleiche ist jedoch auch bei Neumond der Fall - und von Schlaflosigkeit bei Neumond ist in der Regel nicht die Rede.

Nach Aussage vieler Mondratgeber und -kalender kann man sich übrigens nicht nur nach den Mondphasen richten, sondern auch nach anderen Eigenschaften der Mondbewegung, beispielsweise nach dem auf- und absteigenden Mond. Jedoch sind diese nicht mit den Mondphasen gekoppelt, so dass somit zeitweise widersprüchliche Aussagen entstehen.

Bleibt noch das Mondlicht: Zwar ist Beleuchtung in der Tat nicht gerade förderlich für guten Schlaf - aber wozu gibt es Rolläden? Und auch wenn der Vollmond sehr hell erscheint: An die Helligkeit einer Straßenlaterne vor dem Schlafzimmerfenster kommt er im Normalfall nicht heran, denn der Mond ist ein sehr dunkler Himmelskörper, der für uns nur deshalb hell wirkt, weil sich nachts unsere Augen an die Dunkelheit anpassen und sich deren Lichtempfindlichkeit erhöht.

Also doch mystische Kräfte? Man kann nichts ausschliessen, nur kann sich der Wissenschaftler dazu eben auch nicht sinnvoll äussern.
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Um festzustellen, ob nicht doch Einflüsse vorhanden sind, sind umfangreiche Studien erforderlich. Solche wurden auch schon gemacht, und kurz gesagt: Die meisten sind negativ verlaufen. Weder konnten bei großangelegten statistischen Untersuchungen Häufungen von Geburten, Verbrechen oder Unfällen um die Vollmondzeit gefunden werden, noch Unterschiede in der Holzqualität oder was auch immer.
Zugegebenermaßen sind Studien nur insofern aufschlussreich, als sie korrekt durchgeführt werden. Im Prinzip lassen sich Studien auf jedes gewünschte Ergebnis 'hinbiegen'; Zweifel sind also immer angebracht. Jedoch spricht die Mehrheit der Ergebnisse offenbar eher gegen einen Einfluss des Mondes.
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Und was ist mit den Erfahrungen der Menschen? Alles nur Wahrnehmungstäuschungen?

Gut möglich. Wer dem Mond z.B. Einflüsse auf den Schlaf zuschreibt, der geht in einer Vollmondnacht entsprechend angespannt ins Bett und schläft schlecht - aufgrund der selbstgemachten Anspannung. In einer anderen Vollmondnacht bemerkt man vielleicht gar nicht, dass Vollmond ist, weil der Himmel bedeckt ist, schläft einwandfrei und vergisst das Ganze.
Jeder Mensch ist von selektiver Wahrnehmung betroffen, und sie lässt sich nur einigermaßen umgehen, indem man sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten präzise Aufzeichnungen - in diesem Fall über die eigene Schlafqualität - macht und diese anschliessend mit den Mondphasen abgleicht; dazu sollte man in dem Untersuchungszeitraum nicht wissen, welche Mondphase gerade herrscht, um sich nicht selbst zu beeinflussen. Doch das ist nicht nur schwer zu realisieren, sondern auch ein großer Aufwand, den i.d.R. niemand betreibt. Die 'Erfahrungen', von denen oft berichtet wird, sind somit in Wirklichkeit keine Erfahrungen, sondern nur oberflächliche Wahrnehmungen und Selbsttäuschung.

Ähnlich verhält es sich mit dem 'Mondholz', das, zum richtigen Zeitpunkt geschlagen, besonders witterungs- und feuerbeständig sein soll. Als Beweis dafür werden gerne Jahrhunderte alte Holzbauten angesehen, die die lange Zeit erstaunlich gut überstanden haben. Wohl gemerkt, sie werden als Beweis angesehen: Tatsächlich steht natürlich das Fälldatum auf dem Holz nicht angeschrieben, so dass es kein echter Beweis ist. Und von den verrotteten oder verbrannten 'Mondholz'-Bauten ist eben nichts mehr übrig.
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Und so scheint der Einfluss des Mondes eine reine Glaubenssache zu sein, der vielen Menschen - scheinbar - Orientierung im Leben bietet. Da ehrliches Hinterfragen bei Glaubensangelegenheiten nur unzureichend praktiziert wird, ist es auch problemlos denkbar, dass sich ein solches Gedankengebäude praktisch unbegrenzt lange hält, unabhängig von seiner Richtigkeit. Einem vergleichbaren Phänomen begegnen wir auch bei anderen, von der Wissenschaft nicht akzeptierten Disziplinen, von der Astrologie bis zur Homöopathie.

Keine logischen Erklärungen, überwiegend negative Untersuchungsergebnisse, keine verlässlichen Erfahrungen - leider zu wenig für die Wissenschaft, um einen Einfluss des Mondes zu bestätigen.

August 2008